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Werden die Proteste in Frankreich das Wachstum beeinträchtigen?

Ein Blick in die Vergangenheit hilft, die aktuellen Risiken realistischer einzuschätzen.

Der Datenanbieter S&P Global hat am Freitag die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes (PMI; Unternehmensumfragen, die die Breite des Wachstums erfassen) für Oktober vorgelegt – die erste PMI-Datenreihe für das vierte Quartal. Die Daten wichen nicht erheblich von den längerfristigen Trends ab, einschließlich der Gesamtentwicklung in der Eurozone, die eine Expansion verzeichnete.[i] Frankreich war dabei jedoch ein negativer Ausreißer. In Anbetracht der umfangreichen Berichterstattung über Proteste, der weithin als dramatisch wahrgenommenen Schuldenlage und des politischen Theaters im Vorfeld der Wahlen im nächsten Jahr dürfte dies kaum jemanden überraschen. Es sieht ganz danach aus, dass Frankreich derzeit von einer negativen Stimmungslage schwer belastet wird. Wir halten diese Reaktion jedoch für übertrieben. Ein Blick in die jüngere Vergangenheit kann Anlegern helfen, die gegenwärtige Lage in Frankreich richtig einzuordnen – und verdeutlichen, warum die aktuellen Sorgen unserer Einschätzung nach nicht auf eine bevorstehende Krise hindeuten.

Die Vorabschätzungen für Oktober wiesen eine positive Wachstumstendenz für fast alle wichtigen Industrieländer aus. An der Spitze stand der US-amerikanische Composite-PMI (57,6), gefolgt vom Vereinigten Königreich (53,1) und Japan (52,3).[ii] Die Eurozone als Ganzes konnte eine positive Tendenz vorweisen (51,9), ebenso wie ihre größte Volkswirtschaft Deutschland (52,8), der ehemalige „kranke Mann Europas“.[iii] Derzeit sehen Kommentatoren eher Frankreich als „kranken Mann Europas“ – und tatsächlich war dies der einzige Mitgliedstaat mit einer negativen Tendenz (48,4).[iv] Sowohl der Dienstleistungssektor (48,4) als auch das verarbeitende Gewerbe (49,3) blieben hinter den Erwartungen zurück und verzeichneten einen Rückgang gegenüber dem Wachstum im September.[v] Ein Wert unter 50 bedeutet hierbei, dass eine Mehrheit der befragten Unternehmen eine negative Wachstumsrate gemeldet haben.

Französische Unternehmen berichteten von erhöhter Unsicherheit und wirtschaftlichem Druck. Die Erwartungen waren vor diesem Hintergrund so pessimistisch wie zuletzt vor sechseinhalb Jahren.[vi] Der Senior Principal Economist von S&P Global führte dies auf die große Unsicherheit rund um die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr zurück, die die bestehenden Sorgen um die Haushaltslage des Landes noch weiter verstärkt.[vii] Einige Wirtschaftsexperten spekulieren darüber, ob die Daten für den Oktober als Vorboten einer künftigen Konjunkturschwäche zu interpretieren sind, zumal die Kreditkosten des Landes steigen und Proteste die Schlagzeilen beherrschen. Sie befürchten, dass diese innenpolitischen Probleme von Frankreich auf andere Länder übergreifen könnten und dass eine Ansteckungsgefahr für die gesamte Eurozone bestehen könnte.

Doch dieses Szenario politischer Instabilität in Frankreich ist nicht neu. Erinnern Sie sich noch an die vorgezogenen Wahlen, die Präsident Macron im Jahr 2024 ankündigte? Nach einem erbitterten Wahlkampf ergaben sich damals keine klaren Mehrheitsverhältnisse im Parlament. Die Unfähigkeit, einen Haushalt zu verabschieden, wurde seitdem mehreren französischen Premierministern zum Verhängnis. So konnte Premierminister Michel Barnier keine Unterstützung für seinen Plan gewinnen. Er verlor ein Misstrauensvotum und trat Ende 2024 zurück. Sein Nachfolger François Bayrou konnte sich mit knapper Not bis September 2025 im Amt halten, bevor ihn ein ähnliches Schicksal ereilte. Der derzeitige Premierminister Sébastien Lecornu trat seinerseits nach 27 Tagen im Amt wegen Haushaltsproblemen zurück. Nach seiner erneuten Berufung gelang es ihm, einen Haushaltsplan für 2026 zu verabschieden – doch nun steht er einmal mehr unter Druck, da ein Haushaltsplan für 2027 beschlossen werden muss.

Trotz der politischen Instabilität wich der Composite-PMI für Frankreich nicht wesentlich vom länger anhaltenden Trend einer schwächelnden Entwicklung ab. (Darstellung 1).

Darstellung 1: Composite-PMI für Frankreich, Oktober 2023 – Oktober 2026

Ausführliche Beschreibung von Darstellung 1

Liniendiagramm mit dem Verlauf des französischen Composite-PMI von S&P Global für die Zeit von Oktober 2023 bis Oktober 2026 mit Markierungen zu politischen Ereignissen in Frankreich.

  • Y-Achse: Indexniveau von 40 bis 54.
  • X-Achse: Daten von Oktober 2023 bis Oktober 2026.
  • Dunkelgrüne durchgezogene Linie: Indexstand.
  • Violette gestrichelte horizontale Linie: Referenzwert bei 50.
  • Mintgrüne runde Markierungen: Kennzeichnung der beschriebenen Ereignisse.

Trend

  • Beginnt im Oktober 2023 bei etwa 44,5 und bleibt bis Anfang 2024 bei etwa 44 bis 45.
  • Steigt im Frühjahr 2024 stark an, übertrifft kurzzeitig die Marke von 50 Punkten und lässt dann im Juni 2024 wieder nach. Beschriftet mit “Juni 2024: Macron kündigt vorgezogene Neuwahlen an; PMI bei 48,8.“
  • Steigt später im Jahr 2024 auf einen Höchststand von knapp 53, den höchsten dargestellten Punkt.
  • Sinkt gegen Ende 2024 und liegt im Dezember bei 47,5. Beschriftet mit „Dezember 2024: Barnier tritt zurück; PMI bei 47,5.“
  • Schwankt im Laufe des Jahre 2025 weitgehend zwischen 45 und 50 und steigt mehrfach kurzzeitig auch leicht über 50. September und Oktober 2025 sind beschriftet mit: „Bayrou tritt am 9. September zurück; Lecornu tritt am 6. Oktober zurück, gefolgt von einer erneuten Amtsübernahme am 10. Oktober; PMI bei 48,1 bzw. 47,7.“
  • Bleibt 2026 volatil und fällt im Frühjahr auf etwa 45, gefolgt von einem neuerlichen Anstieg.
  • Steigt später im Jahr 2026 kurzzeitig auf etwa 51 an und liegt im Oktober zuletzt bei knapp 48,4.

Gesamtentwicklung

  • Der Index schwankt im Betrachtungszeitraum zwischen etwa 44,5 und 53.
  • Die Kurve bewegt sich sowohl in den Bereich oberhalb der Referenzmarke von 50 Punkten als auch in den Bereich darunter. Der höchste Wert wird gegen Ende 2024 erreicht und die niedrigsten Werte liegen mehrfach im Bereich von 45 bis 46 Punkten.
  • Die Indexwerte liegen im Berichtszeitraum mehrheitlich unter 50. Dies lässt darauf schließen, dass sich der französische Composite-PMI in diesem Zeitraum überwiegend in einer Kontraktionsphase befand.
  • Die Datenreihe endet im Oktober 2026 unterhalb der Referenzmarke von 50.

Quelle: FactSet, Stand: 23.10.2026. Ein Ergebnis unter 50 entspricht einer Kontraktion.

Manche Marktbeobachter meinen, dass sich die Dynamik dieses Mal aufgrund der jüngsten Studentenproteste von den vorherigen Fällen unterscheidet. Aber auch dieser Aspekt ist nicht einzigartig. So gab es schließlich schon weit vorher die Gelbwesten-Proteste, die im November 2018 begannen. Die Proteste wirkten sich damals offenbar tatsächlich auf die PMI-Werte für den Dezember aus, da der Wert für den Dienstleistungssektor von 55,1 im November auf 49,0 sank.[viii] Die Aktivität sank zum ersten Mal seit 30 Monaten und die Neuaufträge waren erstmals seit Februar 2016 rückläufig.[ix] Der Datenanbieter IHS Markit, der später von S&P Global übernommen wurde, berichtete seinerzeit: „Der unerwartete Abschwung aufgrund der sozialen Unruhen stellt ein erhebliches Abwärtsrisiko für die Wachstumsaussichten im vierten Quartal dar. Die französische Wirtschaft hätte nach der starken Entwicklung des Dienstleistungssektors im Oktober und November ein beträchtliches Wachstum verzeichnen sollen.“[x]

Dennoch kehrte der PMI für den französischen Dienstleistungssektor Anfang 2019 in den Wachstumsbereich zurück und hielt sich dort für den Rest des Jahres.[xi] Zudem stieg das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP, eine von einer Regierung veröffentlichte Kennzahl für die Wirtschaftsleistung) im vierten Quartal 2018 um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Im folgenden Quartal beschleunigte sich der Anstieg noch einmal auf 0,9 Prozent.[xii] Nach Angaben des französischen Statistikamtes INSEE könnten die Gelbwesten-Proteste das BIP-Wachstum im vierten Quartal 2018 um 0,1 Prozentpunkte verringert haben, wobei diese Zahl nach wie vor mit großer Unsicherheit behaftet sei.[xiii] Es gebe diesbezüglich keine belastbare Vergleichsgrundlage und zudem sei es möglich, dass sich die Aktivität lediglich auf einen späteren Zeitraum verschoben habe, statt einfach verlorenzugehen, so INSEE.[xiv]

Unserer Ansicht nach bieten diese Episoden aus der jüngeren Vergangenheit aufschlussreiche Lektionen für Anleger. Politische Instabilität und Proteste beherrschen die Schlagzeilen und können die Marktstimmung belasten. Doch sie beeinträchtigen nicht unbedingt die wirtschaftliche Aktivität. Wenn wir die Gelbwesten-Proteste mit den heutigen Studentenprotesten vergleichen, so lässt sich feststellen: Erstere erzeugten genug Druck, um eine Verkürzung der Arbeitszeiten bei Unternehmen durchzusetzen.[xv] Das INSEE hob die negativen Auswirkungen auf bestimmte Branchen (z. B. den Tourismus) hervor.[xvi] Die aktuellen Proteste verursachen offenbar eher Sachschäden als Einbußen bei der Wirtschaftsleistung (auch wenn nicht auszuschließen ist, dass künftige Berichte zu einem anderen Ergebnis kommen). Natürlich muss man Sachschäden ernst nehmen, doch unter diesen Umständen sind die Folgen der Proteste eher mit Naturkatastrophen vergleichbar, die in der Regel keine Rezessionen (d. h. längere Phasen mit einer rückläufigen Wirtschaftsleistung) nach sich ziehen.

Die Marktstimmung kann die Wirtschaftsdaten belasten, insbesondere auf kurze Sicht. Doch verstärkte Ängste und/oder Unsicherheiten führen nicht automatisch zu einem Einbruch des Wirtschaftswachstums. Das gilt insbesondere für PMIs. PMIs liefern Momentaufnahmen der jüngsten Konjunkturentwicklung. Sie geben jedoch nur die Breite des Wachstums wieder, nicht dessen Ausmaß. Unternehmen mögen argumentieren, dass sich Investitionsentscheidungen aufgrund von politischer Instabilität oder Protesten verzögern werden. Das mag auch stimmen. Zum Höhepunkt der medialen Berichterstattung über die Gelbwesten-Proteste – vom 4. Quartal 2018 bis zum 4. Quartal 2019 – stiegen jedoch die Unternehmensinvestitionen in Frankreich.[xvii] Auch vom 1. bis zum 3. Quartal 2025 stiegen die Unternehmensinvestitionen trotz der mehrfachen Wechsel an der Regierungsspitze und der Unsicherheit in der französischen Haushaltspolitik, bevor im 4. Quartal eine rückläufige Entwicklung einsetzte.[xviii] Manche Unternehmen haben sicherlich Bedenken, doch das bedeutet nicht, dass diese Einstellung überall vorherrscht und dass alle Unternehmen ihr Handeln danach ausrichten.

Wir wollen die aktuellen Ereignisse in Frankreich nicht herunterspielen. Auf der anderen Seite kann es aber auch schnell passieren, dass die Tragweite der Demonstrationen überschätzt wird. Es ist wichtig, dass die betreffenden politischen und soziologischen Debatten geführt werden. Für Anleger ist die aktuelle Situation in Frankreich jedoch mit erheblichen Ängsten verbunden. Wir empfehlen, trotz der aktuellen Turbulenzen einen kühlen Kopf zu bewahren. Aus der vorherrschenden Angst vor einer Finanz- oder Wirtschaftskrise ist nicht zu schließen, dass diese tatsächlich eintreten wird. Es gilt jetzt, Ruhe zu bewahren.


[i] Quelle: FactSet, Stand: 23.10.2026.
[ii] Quelle: FactSet, Stand: 23.10.2026. Der Composite-PMI vereint die PMIs für den Dienstleistungssektor und das verarbeitende Gewerbe.
[iii] Ebd.
[iv] Ebd.
[v] Ebd.
[vi] Quelle: S&P Global, Stand: 23.10.2026.
[vii] Ebd.
[viii] Quelle: IHS Markit, Stand: 04.01.2019.
[ix] Ebd.
[x] Ebd.
[xi] Quelle: S&P Global, Stand: 06.01.2020.
[xii] Quelle: FactSet, Stand: 23.10.2026.
[xiii] „Estimating the Macroeconomic Impact of Social Unrest in 2018“, INSEE, 19.03.2019.
[xiv] Ebd.
[xv] „France details yellow vest protests’ impact on economy“, Redaktion, Associated Press, 13.02.2019.
[xvi]  Siehe Fußnote xiv.
[xvii] Quelle: FactSet, Stand: 23.10.2026. Aussage basiert auf dem Bruttoanlageinvestitionen nichtfinanzieller Unternehmen, vierteljährliche Entwicklung, 4. Quartal 2018 – 4. Quartal 2019.
[xviii] Ebd. Aussage basiert auf dem Bruttoanlageinvestitionen nichtfinanzieller Unternehmen, vierteljährliche Entwicklung, 1. Quartal 2025 – 4. Quartal 2025.


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