Individuelle Vermögensverwaltung / Wirtschaft
Brände und das BIP
Werden die Auswirkungen der Brände dafür sorgen, dass der BIP-Anstieg der Eurozone sich nur als temporär erweisen wird?
Die aktuellsten Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone für das 2. Quartal wurden diese Woche veröffentlicht und wir finden, dass die Zahlen gut aussehen![i] Das Wachstum beschleunigte sich nach einem flachen 1. Quartal wieder auf 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal und kein Land meldete bisher einen Rückgang.[ii] Wir glauben, dass ein breit angelegtes Wachstum ein wesentlicher Bestandteil dessen ist, was die Aktien der Eurozone während ihrer starken Rallye seit den Tiefstständen Ende März eingepreist haben. Für uns ist das ein Zeichen dafür, dass die reelle Wirtschaftslage die düsteren Prognosen vieler Analysten, die wir verfolgen, übertrifft.[iii] Dennoch scheint sich die Freude über die BIP-Zahlen in der Berichterstattung in Grenzen zu halten. Anstatt froh über die Widerstandsfähigkeit der Eurozone angesichts höherer Energiepreise zu sein, wurde in vielen Berichterstattungen eher davor gewarnt, dass die Party bereits vorbei sein könnte, während Waldbrände auf dem Kontinent wüten. Obwohl die Situation wirklich schrecklich und tragisch ist, sind wir der Meinung, dass die Historie zeigt, dass die Auswirkungen von Naturkatastrophen auf das BIP eher gering ausfallen. Wir werden dies im Folgenden weiter erörtern. Wir sind der Meinung, dass dies nur eine weitere unbegründete Angst für den Aktienmarkt darstellt und somit zu der sprichwörtlichen Mauer der Angst beiträgt.
Beginnen wir mit einem kurzen Rückblick auf das 2. Quartal. Das ganze Quartal über sahen wir Schlagzeilen, die davor warnten, dass sich die Volkswirtschaften der Eurozone in einer schwierigen Lage befänden. Die Schliessung der Strasse von Hormus und Angriffe auf die Erdgasinfrastruktur am Persischen Golf liessen die Öl- und Gaspreise steigen. Dies hatte Warnungen vor höheren Kosten und potenziellen Energieengpässen zur Folge, die Unternehmen schaden könnten.[iv] Die Einkaufsmanagerindizes (PMI) sahen das ganze Quartal über schwach aus, insbesondere in Frankreich und Deutschland.[v] Die Tatsache, dass diese Umfragen messen, wie viele Unternehmen Wachstum melden und nicht, wie stark das Geschäft insgesamt gewachsen ist, war wohl nur ein geringer Trost für all die Wirtschaftsbeobachter, die aktuell schwierige Zeiten prognostizieren. Schlechte PMI-Umfrageergebnisse, pessimistische Berichterstattung, hohe Energiepreise – all das schien sich in schwachen wirtschaftlichen Erwartungen zu bündeln.
Wir sind der Meinung, dass die BIP-Daten implizieren, dass dies zu pessimistisch war. Der erste Bericht enthält nur wenige Details, aber die vier grössten Volkswirtschaften sind alle gewachsen. Frankreich machte seinen geringfügigen Rückgang im 1. Quartal wett und wuchs um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal.[vi] Deutschland und Italien taten es Frankreich gleich, während Spanien seine solide Entwicklung mit 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal fortsetzte.[vii] In Frankreich trug vor allem der Export zu diesem Ergebnis bei, während sich die Verbraucherausgaben und Unternehmensinvestitionen leicht von den Rückgängen im 1. Quartal erholten.[viii] Laut der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes waren auch in Deutschland die Exporte die treibende Kraft hinter dem Wachstum, während die Verbraucherausgaben «gedämpft» waren und die Kapitalbildung zurückging.[ix] Italien veröffentlichte keine genaue Aufschlüsselung der Zahlen. Spanien dagegen verzeichnete ein Wachstum bei den Verbraucherausgaben, privaten Investitionen, Exporten und Importen, was unserer Ansicht nach eine robuste inländische und externe Nachfrage zeigt.[x] Insgesamt sind wir der Meinung, dass die Eurozone zwar vor Herausforderungen steht aber die starken Volkswirtschaften scheinen alle anderen mitzuziehen und die Schwachstellen somit auszugleichen. Unsere Recherche ergibt, dass dies im Allgemeinen alles ist, was Aktien brauchen, wenn die Erwartungen niedrig sind.
Was ermutigend ist, da die Erwartungen immer noch niedrig zu sein scheinen anhand dessen, was wir Finanzkommentaren aus einer Reihe von Publikationen weltweit entnehmen. Die Gaspreise steigen wieder, während der Herbst näher rückt, was Warnungen auslöst, dass Europa die Wintergasreserven zu einem suboptimalen Zeitpunkt auffüllen muss. Dies könnte den Kontinent in eine schwierige Lage bringen.[xi] Wir halten dies für eher unwahrscheinlich, da viel höhere Preise und akute Engpässe auch vor vier Jahren nicht zu Rationierungen oder einer tiefen Rezession geführt haben. Daher sind wir der Ansicht, dass in diesem Bereich die Realität überraschenderweise nicht so negativ wie erwartet ausfallen könnte.[xii] Heutzutage scheinen die Brände jedoch ein weitaus grösseres Gesprächsthema zu sein. In einigen Publikationen wird davor gewarnt, dass es zumindest in Frankreich und Spanien beinahe garantiert zu einer Rezession kommen würde, da die Waldbrände den Sommertourismus und lokale Unternehmen behindern.[xiii]
Wir sind uns selbstverständlich der Not aller Betroffenen bewusst und wollen dies auch nicht ausser Acht lassen. Die Verluste sind tragisch und Berichte über das knappe Entkommen vieler direkt Betroffener sind erschütternd. Ganz sachlich betrachtet und mit Fokus auf die Märkte halten wir es jedoch auch für wichtig, das menschliche Leid von den rein wirtschaftlichen Folgen zu trennen, da unsere Recherche zeigt, dass Letzteres das ist, was sich am meisten auf den Aktienmarkt auswirkt. Geologische Studien zeigen, dass Waldbrände im Grunde so alt sind wie der Planet selbst, was uns eine Menge Daten darüber liefert, wie sie sich auf Volkswirtschaften auswirken, wenn sie in oder in der Nähe von dicht besiedelten Gebieten ausbrechen.
Hier ist ein aktuelles Beispiel: Im Januar 2025 kam es im Bezirk von Los Angeles in Kalifornien zu den verheerendsten Brände in dessen Geschichte, wodurch Zehntausende von Menschen vertrieben wurden und ganze Gemeinden in Altadena, Pacific Palisades und Malibu auslöschten. Die wirtschaftlichen Auswirkungen erstreckten sich über das ganze Gebiet, da – Berichten zufolge – Touristen aufgrund der Warnungen über die anhaltende Belastung für die städtischen Dienste und Hotellerie die Region den Grossteil des Winters über mieden. Daten zum BIP für das Jahr 2025 explizit auf diesen Bezirk bezogen sind noch nicht verfügbar, aber Daten auf Bundesstaatsebene zeigen, dass das BIP Kaliforniens im 1. Quartal 2025 stagnierte.[xiv] Die Bereiche Landwirtschaft, industrielle Verbrauchsgüter, Management, Gastgewerbe, Transport und andere Dienstleistungen haben alle sehr unter den Bränden gelitten; unserer Ansicht nach war somit ein Grossteil der wirtschaftlichen Aktivität von Los Angeles betroffen (angesichts der dort dominierenden Branchen, darunter Tourismus, Film- und Fernsehproduktion sowie Talentmanagement). Da das BIP des Staates insgesamt jedoch unverändert blieb, können wir schlussfolgern, dass das Silicon Valley, Orange County und der Rest des Bundesstaates stark genug gewachsen sind, um die Schwäche des Bezirkes Los Angeles auszugleichen.[xv] Das soll die Tragödie in LA nicht herunterspielen, sondern nur darauf hinweisen, dass das BIP trotzdem unter dem Strich nicht allzu schlecht abschnitt. Und das landesweite Wachstum setzte sich im nächsten Quartal fort und hielt bis zum 1. Quartal 2026 (aktuell die letzten veröffentlichten Zahlen) ununterbrochen an.[xvi]
Dies ist nur ein Beispiel, gleichzeitig ist das BIP Kaliforniens mit dem europäischer Länder vergleichbar, was uns dabei hilft, die Situation in Europa einzuschätzen.[xvii] Dies suggeriert, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Brände wahrscheinlich milder sein werden, als die Berichterstattung es derzeit darstellt. Lassen Sie uns hier beispielsweise einmal die Situation in Frankreich beleuchten: Die Brände konzentrieren sich auf die Region Nouvelle-Aquitaine. Dieses wunderschöne Gebiet ist im öffentlichen Bewusstsein stark präsent, da es sich um ein Weingebiet handelt, die Heimat des Bordeaux-Weins. Das Gebiet steuerte jedoch nur 7,6 Prozent zum französischen BIP im Jahr 2024 bei. Das sind die aktuellsten zur Verfügung stehenden Daten.[xviii] Der Bezirk Los Angeles hingegen machte in jenem Jahr 24,8 Prozent des kalifornischen BIP aus.[xix] Der Grossteil der französischen Wirtschaftsleistung stammt aus Paris und dessen näherer Umgebung, die nicht betroffen sind.[xx] Wenn also der landesweite wirtschaftliche Schaden Kaliforniens durch die Brände in LA im Jahr 2025 einem stagnierenden Quartal entsprach, fällt es uns schwer, uns vorzustellen, dass Brände in weniger dicht besiedelten Gebieten Frankreichs – so schrecklich sie auch sind – landesweit viel schlimmere Auswirkungen haben könnten. Weingüter und Schlösser sind wichtig. Wir selbst mögen sie sehr, aber brachliegendes Ackerland macht einen Grossteil der Fläche aus, die in Südeuropa verbrennt, was logischerweise nur minimale wirtschaftliche Auswirkungen hat.[xxi] Ja, wir wissen, dass sich auch Kernkraftwerke und Munitionsfabriken in der Nähe befinden. Aber es scheinen Schutzmassnahmen getroffen worden zu sein und wir sind der Meinung, dass Anleger im Allgemeinen davon profitieren, sich auf Wahrscheinlichkeiten zu stützen, nicht auf Möglichkeiten.[xxii]
Wir sind der Meinung, dass Anleger auch davon profitieren, 3 bis 30 Monate in die Zukunft zu blicken, da unsere Recherche zeigt, dass Märkte dies auch tun. Naturkatastrophen und Marktrenditen haben eine weit zurückreichende gemeinsame Geschichte – ob wir von Bränden, verheerenden Stürmen oder Erdbeben sprechen, unsere Recherche zur Börsenhistorie ergab, dass keine dieser Katastrophen globale Bärenmärkte verursacht hat.[xxiii] Basierend auf unserer Recherche sind Märkte, die von Natur aus sachlich und «herzlos» sind, gut darin sind, die Situation einzuschätzen, das Wachstum anderswo weitergehen zu sehen und zur Tagesordnung überzugehen. Für uns erscheint die Wahrscheinlichkeit, dass die heutigen Brände in Südeuropa einen nennenswerten Effekt auf globale Unternehmensgewinne im nächsten Jahr oder in den nächsten zwei Jahren haben, äusserst gering. Unserer Meinung nach bedeutet das, dass Aktien wahrscheinlich leichtes Spiel haben sollten, positive Überraschungen zu finden – und davon zu profitieren.
[i] Das BIP ist eine von einer Regierung veröffentlichte Kennzahl für die Wirtschaftsleistung.
[ii] Quelle: Eurostat, Stand: 30.07.2026.
[iii] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026. Die Angaben basieren auf der Rendite des MSCI EMU mit Nettodividenden. Angaben in Britischen Pfund.
[iv] Ebd. Aussage basierend auf den Preisen für Brent-Rohöl und niederländisches TTF-Gas.
[v] Ebd.
[vi] Quelle: Eurostat, Stand: 30.07.2026.
[vii] Ebd.
[viii] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[ix] «Gross Domestic Product in the 2nd Quarter of 2026 Up 0.2% on the Previous Quarter», Destatis, 30.07.2026.
[x] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[xi] Ebd. Aussage basierend auf den niederländischen TTF-Gaspreisen.
[xii] Ebd.
[xiii] Eine Rezession ist ein breiter Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität, der typischerweise einige Monate oder länger anhält.
[xiv] Quelle: US Bureau of Economic Analysis (BEA), Stand: 30.07.2026.
[xv] Ebd.
[xvi] Ebd.
[xvii] Quelle: FactSet und Eurostat, Stand: 30.07.2026.
[xviii] Quelle: INSEE, Stand: 30.07.2026.
[xix] Quelle: BEA, Stand: 30.07.2026.
[xx] Quelle: INSEE, Stand: 30.07.2026.
[xxi] «Europe Turns to Goats to Prevent Wildfires», Agnes Rønberg, Politico, 29.07.2026.
[xxii] «Deadly French Wildfires Threaten Missile Plants, Nuclear Sites as Fourth Heatwave Looms», Emma Bussey, Fox News, 28.07.2026.
[xxiii] Ein Bärenmarkt ist ein breiter, lang anhaltender Abschwung am Aktienmarkt von 20 Prozent oder mehr mit einer fundamentalen Ursache.
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