Individuelle Vermögensverwaltung / Marktanalysen

Eine marktorientierte Einordnung der niedrigen EU-Gasspeicherstände im Sommer

Die derzeit niedrigen Gasspeicherstände dürften für Europas Wirtschaft kein unmittelbar bevorstehendes Problem darstellen.

Die europäischen Gasreserven befinden sich auf einem «historisch niedrigen Niveau», und einige der von uns beobachteten Kommentatoren warnen, Europa steuere auf eine Energiekrise zu. Das klingt in der Tat nach dem Letzten, was Europa derzeit gebrauchen kann: ein düsterer, eisiger Winter nach einem Sommer voller Hitzewellen und Waldbrände. Europa kennt dieses Szenario jedoch bereits. Zwar könnten die Energiepreise im kommenden Winter weiter steigen, doch unserer Analyse zufolge halten wir dies weder für ausgemacht noch automatisch für eine gravierende Belastung der Wirtschaft oder der Kapitalmärkte.

Während Europa seine Gasspeicher für den Winter auffüllt, sind die Speicheranlagen in der EU derzeit nur zu 54 Prozent gefüllt – der zweitniedrigste Sommerwert seit 2011 und der niedrigste Juliwert seit 2021.[i] Gas wird zur Stromerzeugung und in industriellen Produktionsprozessen eingesetzt. Zudem werden rund 30 Prozent der Haushalte in der EU damit beheizt, weshalb die Wintermonate eine besondere Bedeutung haben.[ii] Der Krieg im Iran hat es dem Kontinent jedoch erschwert, seine Gasspeicher wieder aufzufüllen, da Kämpfe und die blockierte Strasse von Hormus Lieferungen aus dem Nahen Osten behinderten. Die meisten der von uns verfolgten Experten rechnen zwar nicht mit Versorgungsengpässen. Sie erwarten jedoch, dass das begrenzte Angebot die Gaspreise hoch hält und die EU-Staaten ihre Speicher nur zu deutlich höheren Kosten auffüllen können.

Unseres Erachtens zeigt die jüngere Vergangenheit jedoch, dass hohe Gaspreise während der Speicherbefüllung keineswegs zwangsläufig wirtschaftliches Unheil für Europa bedeuten. Man denke nur an das Jahr 2022, als nach Ausbruch des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine weltweit vor einer europäischen Energiekrise gewarnt wurde. Der europäische Grosshandelspreis für Erdgas stieg von rund 80 Euro je Megawattstunde zu Beginn des Jahres 2022 – bereits damals aufgrund einer windarmen Phase ungewöhnlich hoch – bis Anfang März auf über 200 Euro. Im August erreichte er schliesslich mehr als 330 Euro, genau zu dem Zeitpunkt, als viele Staaten ihre Speicher für den Winter auffüllten.[iii]

Ja, die stark gestiegenen Energiepreise belasteten Europa erheblich. Vor allem die deutsche Chemieindustrie litt erheblich unter den hohen Gaspreisen – und viele Unternehmen kämpfen bis heute mit den Folgen. Laut dem deutschen Branchenverband VCI «gibt es keine Anzeichen für eine Trendwende; für dieses Jahr ist mit einer Stagnation oder einem weiteren Rückgang der Produktion zu rechnen.»[iv] Die hohen Gaspreise führten jedoch weder zu den vielfach befürchteten Worst-Case-Szenarien – etwa Gasrationierungen oder grossflächigen Stromausfällen – noch zu einer schweren Rezession.[v] Zwar erreichte die Inflation im Jahr 2022 ihren Höhepunkt – der harmonisierte Verbraucherpreisindex im Euroraum stieg im Oktober gegenüber dem Vorjahr um 10,6 Prozent. Nach unserer Einschätzung war dafür jedoch weniger der Energiesektor verantwortlich als vielmehr das starke Geldmengenwachstum infolge der umfangreichen geldpolitischen Unterstützungsmassnahmen westlicher Notenbanken während der COVID-Lockdowns.[vi] Wir betrachten Inflation als monetäres Phänomen: Sie entsteht, wenn zu viel Geld auf ein zu geringes Angebot an Gütern und Dienstleistungen trifft – nicht dadurch, dass eine einzelne Preiskategorie wie Energie sämtliche anderen Preise nach oben zieht. Auch gesamtwirtschaftlich blieb der Euroraum widerstandsfähig. Deutschland durchlief zwar eine leichte Rezession, doch andere Volkswirtschaften wie Spanien, Frankreich und selbst Italien wuchsen weiter und verhinderten ein Übergreifen der Schwäche auf die gesamte Eurozone.[vii]

Bemerkenswert ist ausserdem: Im Jahr 2022 füllten die EU-Mitgliedstaaten ihre Gasspeicher zu deutlich höheren Preisen auf als heute. (Darstellung 1) Wenn selbst damals deutlich höhere Gaspreise keine gravierenden wirtschaftlichen Verwerfungen in ganz Europa auslösten, sehen wir keinen Grund, weshalb dies heute automatisch der Fall sein sollte.

Darstellung 1: Europäische Erdgaspreise – 2022 im Vergleich zu 2026

Line chart with two solid lines comparing values in euros during 2022 (dark green line)   and 2026 through 31 July (gold line).    • Y-axis: Euros, ranging from 0 to 350. This represents the prices of gas in terms of    euros per megawatt hour, based on the region’s benchmark, Dutch TTF prices.    • X-axis: 12 months of the year, starting with January and ending with December.   • Dark green line (2022): Begins near 85 euros in January and after a big jump from    late February to early March to around 205 euros, the line drops down to around    100 at the end of March and fluctuates between roughly 80 and 115 euros through    June. The line then rises above 170 euros in July, increases further to around 200    euros in August, peaks near 330 euros in late August, then declines through the    remainder of the year. The line falls to roughly 110 euros in November, rises briefly    to around 145 euros in December, and finishes the year near 70 euros.   • Gold line (2026 through July 31): Begins near 30 euros in January, rises gradually    to about 40 euros in February, increases to nearly 60 euros in March, declines    toward 40 euros during April, fluctuates between roughly 40 and 50 euros through    May and June, then rises to approximately 60 euros by the end of July.   The chart shows weekly gas prices in euros for 2022 and for 2026 through 31 July,    comparing the differences between the two years. The 2022 series exhibits substantially    larger fluctuations and higher peak values than the 2026 series through the period shown.

Quelle: FactSet, Stand: 31.07.2026. Niederländische TTF-Gaspreise (die regionale Referenz), wöchentlich, 1.7.2022 – 30.12.2022 und 1.2.2026 – 31.7.2026.

Auch die Warnungen vor den niedrigen Speicherständen bedeuten unseres Erachtens nicht, dass Europa katastrophal knapp an Gas ist. Die USA haben ihre Exportkapazitäten für Flüssigerdgas (LNG) in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut. Im vergangenen Jahr kündigten die Exporteure an, ihre Verflüssigungskapazitäten zwischen 2025 und 2029 mehr als zu verdoppeln. Ein Teil dieser zusätzlichen Kapazitäten geht bereits in diesem Jahr ans Netz.[viii] Die Kämpfe im Nahen Osten legten die LNG-Produktion Katars zwar vorübergehend lahm. Das Land bereitet sich jedoch bereits seit April auf eine rasche Wiederaufnahme der Exporte vor. Berichten zufolge könnte bereits innerhalb eines Monats nach einer Wiederöffnung der Strasse von Hormus rund die Hälfte der Produktion wieder anlaufen – deutlich schneller, als viele Experten erwartet hatten.[ix]

Zwar konzentrieren sich viele Schlagzeilen auf die Gefahr, dass einzelne EU-Staaten die vorgeschriebenen Speicherziele – etwa einen Füllstand von 90 Prozent bis zum 1. November – verfehlen könnten. Diese Vorgaben sind jedoch noch vergleichsweise neu. Die EU führte diese Speicherziele erst im Jahr 2022 als Reaktion auf den damaligen Gaspreisschock ein, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen.[x] Nach unserer Einschätzung sind weder 90 noch 80 Prozent aus wirtschaftlicher Sicht eine besondere oder zwingend erforderliche Schwelle. Diese Zielwerte erscheinen uns eher als politische Orientierungsgrössen denn als ökonomisch zwingende Grenzwerte.

Auch wenn Märkte kurzfristig schwanken können, zeigen sie nach unserer Erfahrung meist frühzeitig an, ob sich wirtschaftliche Probleme zusammenbrauen. Für uns bleiben sie der verlässlichste Frühindikator. Dass die europäischen Gaspreise heute deutlich unter dem Niveau von 2022 liegen, spricht unseres Erachtens gegen eine bevorstehende Krise. Dazu beigetragen haben auch die erheblichen Investitionen in die Gasimportinfrastruktur, die infolge der Ereignisse von 2022 vorgenommen wurden. Die anhaltenden Warnungen vor Europas Gasversorgung im kommenden Winter werten wir vielmehr als ein weiteres Beispiel für die sprichwörtliche «Mauer der Angst», die Bullenmärkte häufig erklimmen müssen. Für uns spricht das weiterhin für einen konstruktiven Ausblick – insbesondere auf Anlagechancen ausserhalb der USA.


[i] «European Gas Prices Surge Amid Fears US-Iran War Will Cause Winter Shortages», Mark Sweney, The Guardian, 20.7.2026.
[ii] «Where Does the EU’s Gas Come From?» Europäischer Rat, Stand: 13.04.2026.
[iii] Quelle: FactSet, Stand: 31.07.2026. Die Angaben basieren auf den niederländischen TTF-Erdgaspreisen, wöchentlich, 1.7.2022 – 26.8.2022.
[iv]«Deutschlands krisengeschüttelte Chemieindustrie strebt einen Aufschwung an», Srinivas Mazumdaru, Deutsche Welle, 18.5.2026.
[v] Quelle: FactSet, Stand: 03.08.2023. Aussage basierend auf dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone. Das BIP ist eine von einer Regierung veröffentlichte Kennzahl für die Wirtschaftsleistung. Eine Rezession bezeichnet einen breit angelegten Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität, der in der Regel mehrere Monate oder länger andauert.
[vi] Ebd. Inflation bezeichnet einen allgemeinen Anstieg der Preise für Güter und Dienstleistungen.
[vii] Ebd. Aussage basierend auf den BIP-Wachstumsraten der Mitgliedstaaten der Eurozone.
[viii] «North America’s LNG Export Capacity Could More Than Double by 2029», Mitarbeitende, EIA, 16.10.2025.
[ix] Qatar Looks to Rapidly Restart LNG Exports Once Hormuz Reopens: Report», Fleur Hargreaves, Middle East Eye, 16.6.2026.
[x] «Rat verabschiedet Verordnung zur Gasspeicherung», Europäischer Rat, 27.6.2022.


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