Individuelle Vermögensverwaltung / Politik
Gelingt es Deutschland doch noch, wieder mehr Wirtschaftswachstum zu erreichen?
Details zu Deutschlands neuem Wirtschaftsreformpaket.
Redaktioneller Hinweis: MarketMinder Germany ist unparteiisch. Wir unterstützen weder einen Politiker noch eine politische Partei und bewerten Ereignisse ausschliesslich nach ihren potenziellen wirtschaftlichen und marktbezogenen Auswirkungen.
2017. Es war das Jahr, in dem Deutschland zum ersten Mal den FIFA Confederations Cup gewann, der FC Bayern München zum fünften Mal in Folge Deutscher Meister in der Bundesliga wurde und die langanhaltenden Brexit-Verhandlungen begannen.
Zudem war es das letzte Kalenderjahr, in dem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands das der Eurozone übertraf.[i]
Deutschland galt zwar im letzten Jahrzehnt, das durch die Schuldenkrise geprägt wurde, als der Fels in der Brandung der Eurozone, doch Deutschlands Wirtschaftskraft hat immer mehr nachgelassen und wächst deutlich langsamer als der Rest der Eurozone. Deutsche Aktien scheint dies nicht zu stören – die Politik hingegen schon und (erneut) versucht man, eine Lösung zu finden.[ii] Letzte Woche beschloss die Regierung ein umfangreiches Wirtschaftsreformpaket. Wir bezweifeln zwar, dass diese Reformen fundamentale Veränderungen der Rahmenbedingungen für den Aktienmarkt herbeiführen, oder dafür sorgen, dass Deutschland wieder die leitende Wirtschaftsmacht Europas wird, aber vielleicht kann es für eine bessere Stimmung unter den Investoren sorgen.
Vor einem Jahr trat die Koalitionsregierung ihr Amt an und es wurden mehrere Wirtschaftsreformen beschlossen. Das Ziel lag darin, die Wettbewerbsfähigkeit zu fördern und somit die Wirtschaft anzukurbeln. Diese stagnierte aufgrund hoher Energiekosten und weiterer Hürden, mit denen sich die einst so mächtige Automobilindustrie konfrontiert sah.[iii] Die Koalition konnte sich allerdings über mehrere Monate nicht auf den genauen Inhalt des Reformpakets einigen, was wiederum zu öffentlicher Kritik an Kanzler Friedrich Merz und seiner Mitte-rechts-Partei, der CDU (Christlich Demokratische Union) führte. Letzte Woche endete dieser Stillstand endlich indem Kanzler Merz das neue Reformpaket ankündigte, welches anscheinend die Deutsche Wirtschaft modernisieren und den schwachen Wachstumstrend umkehren soll.[iv]
Entschuldigen Sie bitte unsere pessimistische Einstellung, doch wir sind noch nicht so ganz überzeugt. Das Reformpaket enthält zwar einige Ansätze, die wir für vorteilhaft halten, aber wir bezweifeln, dass sie eine grosse Veränderung herbeirufen. Für Bewegung spricht, dass die Umsetzung dieser Pläne mehr Arbeitskräfte freisetzen und man sich dem Problem langer Fehlzeiten widmen würde, indem der Prozess der Krankschreibungen verschärft wird. Technologiefirmen und ein grosser Teil der Schwerindustrie könnten von den Regelungen des starren deutschen Arbeitsrechts befreit werden, um flexibler handeln und im globalen Wettbewerb besser bestehen zu können. Ausserdem kommt es zu weiterem Bürokratieabbau, da die Berichtspflichten der Unternehmen gegenüber staatlichen Behörden entfallen und die Prozesse der Antragsstellung und -genehmigung vereinfacht werden. Anstatt monate- oder jahrelang auf die Genehmigung eines Antrages zu warten, gelten Anfragen künftig automatisch als genehmigt, wenn vier Monate nach Eingang keine Rückmeldung durch die Behörde erfolgt. Zudem wird das Renteneintrittsalter von 67 auf 70 Jahre erhöht.[v]
Makroökonomisch betrachtet erscheinen diese Veränderungen in Ordnung zu sein, doch wir bezweifeln, dass sie nachhaltige Auswirkungen haben werden. Unserer Ansicht nach scheint die Regierung beweisen zu wollen, dass sie sich der bereits lange bekannten Probleme bewusst ist und handelt dementsprechend nun und versucht die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich neue Unternehmen besser etablieren und weiterentwickeln können. Allerdings bezweifeln wir, dass das ausreichen wird, um die deutsche Automobil- und Chemiebranche wieder zum Leben zu erwecken. Darüber hinaus bergen die vorgeschlagenen Steuerreformen die Gefahr, die Anlegerstimmung zu trüben, da die Steuersenkungen für Personen mit geringerem Einkommen durch höhere Besteuerung von Personen, die mehr als 250'000 Euro verdienen, finanziert werden. Ausserdem soll es zu Streichungen einiger Steuervergünstigungen kommen, was genau die kleinen- und mittelständischen Unternehmer/-innen und Selbstständige trifft, die durch die anderen Reformen gefördert werden sollen.
Wichtig ist hervorzuheben, dass diese Reformen sich nicht mit den nachhaltigen und grossen Problemen befassen, wie beispielsweise Energie. Nach dem Nukleardesaster in Fukushima im Jahr 2011 beschloss Deutschland, der Kernenergie den Rücken zu kehren und sie mit Wind- und Solarenergie zu ersetzen, was die Energiekosten des Landes in die Höhe trieb. Die Entscheidungsträger schienen damals äusserst optimistisch gewesen zu sein und überbrückten die Versorgungslücken mit aus Gas gewonnener Energie. Diese Notlösung schien auch in Ordnung zu sein, solange Deutschland problemlos und günstig Gas aus Russland erhielt – seit 2022 hat sich das Blatt allerdings gewendet und Deutschland ist abhängig von der internationalen Versorgung und Preispolitik. Die Automobilindustrie und Chemiebranche profitierten von den damals günstigen Gaspreisen, da Gas einer der hauptsächlichen Rohstoffe dieser Sektoren ist. Seitdem der Krieg im Iran begann, ist deutscher Strom viel teurer geworden als die Atomenergie, die immer noch aus Frankreich gewonnen wird, mit Margen von 28 bis 320 Prozent.[vi] Dadurch gestaltet es sich für Deutschland als ausserordentlich schwierig, mit den günstigen und von der dortigen Regierung subventionierten Maschinen- und Automobilimporten aus China zu konkurrieren. Wir sind der Ansicht, dass das der Grund dafür ist, warum sich das Reformpaket auch mit der Unterstützung Deutschlands für geplante Einschränkungen der EU bezüglich subventionierter Importe befasst.[vii]
Sollte es zu diesen Einschränkungen kommen, könnten diese Reformen also doch die Anlegerstimmung ankurbeln, doch Kritik an den Reformen – insbesondere an dem Kündigungsschutz und dem angehobenen Rentenalter – könnten sich als Hürde erweisen. Falls Merz den politischen Stillstand überwindet und es schafft, die Reformen zu erlassen, sind unserer Ansicht nach nur wenige Folgen dieser Reformen – in dem Fall ein leichter Rückenwind für die Anlegerstimmung – tatsächlich relevant für die Märkte. Unsere Recherchen zeigen, dass Reformen wie die in der vergangenen Woche angekündigten – selbst wenn sie erfolgreich sind – eher strukturelle als konjunkturelle Wirtschaftstreiber sind.
Doch ähnlich wie es in Japan verlief, sind wir nicht der Ansicht, dass die Frage, ob diese Reformen Deutschland zu sofortigem Wirtschaftswachstum verhelfen werden, zu mehr Börsenrelevanz beitragen wird. Dass die reformorientierte Regierung trotz der Herausforderungen an diesen nötigen Veränderungen fest hält und diese durchsetzt ist das, was unserer Meinung nach letztendlich wirklich zählt. Und wenn sie das tut und aus dieser Entscheidung nicht allzu viele Verlierer resultieren, könnte dies unserer Ansicht den Unternehmen und Anlegern den Anreiz und Mut geben, mehr Risiken einzugehen – das wiederum bietet einen guten Rückenwind. Ob die deutsche Wirtschaft langsam wieder zu altem Glanz zurückkehren wird, bleibt abzuwarten.
[i] Quelle: FactSet, Stand: 07.07.2026. Die Aussage bezieht sich auf das jährliche reale BIP-Wachstum von Deutschland und der Eurozone. Das BIP ist eine von einer Regierung veröffentlichte Kennzahl für die Wirtschaftsleistung.
[ii] Ebd. Aussage basiert auf dem MSCI World, Renditen mit Nettodividenden.
[iii] «Merz Unveils Sweeping Reform Push for Germany: Tax Cuts, Pension Overhaul and New Sick Leave Rules», Kirsten Grieshaber, Associated Press, 02.07.2026.
[iv] «German Coalition Agrees on Changes to Pensions, Tax Rates», Richard Connor, Deutsche Welle, 02.07.2026.
[v] Ebd.
[vi] Quelle: FactSet, Stand: 07.07.2026. Monatliche Baseload-Terminmarktpreise für Strom, Deutschland und Frankreich, Stand: 27.02.26 bis 06.07.2026.
[vii] Siehe Fussnote iv.
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