Individuelle Vermögensverwaltung / Marktanalysen
Die verborgene Stärke des US-BIP im zweiten Quartal
Die Inlandsnachfrage des privaten Sektors in den USA wuchs so kräftig wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr.
Das Wachstum des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP; staatlich ermitteltes Maß für die Wirtschaftsleistung) verlangsamte sich im zweiten Quartal zwar auf annualisierte 1,5 Prozent, nach aufwärts revidierten 2,1 Prozent im ersten Quartal – aus unserer Sicht erzählt diese Zahl jedoch nicht die ganze Geschichte.[i] Unter der Oberfläche laufen die wichtigsten Triebkräfte der US-Wirtschaft unseres Erachtens auf Hochtouren. Auch wenn die Daten naturgemäß rückblickend sind, zeigt das stärker als allgemein wahrgenommene Wachstum des vergangenen Quartals nach unserer Einschätzung, weshalb der Bullenmarkt auf einem deutlich solideren Fundament steht, als viele der von uns verfolgten Analysen vermuten lassen.
Wie Abbildung 1 zeigt, verlangsamte sich das Wachstum des US-BIP (grüne Balken) gegenüber dem ersten Quartal tatsächlich. Dies war jedoch fast ausschließlich auf Lagerabbau und den Außenhandel zurückzuführen.[ii] Lagerveränderungen lassen zwar Interpretationsspielraum, doch dürfte die Nachfrage die Produktion übertroffen haben, wodurch Lagerbestände abgebaut wurden. Dies verringerte das BIP-Wachstum um 0,7 Prozentpunkte.[iii] Darauf deuteten die Einkaufsmanagerindizes (PMIs) in den USA bereits während des gesamten Quartals hin. Darauf weist auch das Institute for Supply Management (ISM) in seinem Einkaufsmanagerbericht für Juni hin: „Der Index für die Lagerbestände der Kunden blieb im Bereich ‚zu niedrig‘ und ging noch stärker zurück. Ein als ‚zu niedrig‘ eingestufter Lagerbestand der Kunden gilt in der Regel als positives Signal für die künftige Produktion.“[iv] Es würde uns daher nicht überraschen, wenn eine Wiederauffüllung der Lagerbestände die Wirtschaft schon bald zusätzlich stützen würde. Zudem schmälerten die Importe das BIP-Wachstum scheinbar um 1,5 Prozentpunkte – ebenso wie im ersten Quartal. Unseres Erachtens spiegelt jedoch auch dies eine robuste Inlandsnachfrage wider (dazu später mehr).[v]
Darstellung 1: Unter der Oberfläche beschleunigte sich die Nachfrage des privaten Sektors.
Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026. Reales US-BIP sowie private Konsumausgaben (PCE) und Bruttoanlageinvestitionen des privaten Sektors, erstes Quartal 2024 bis zweites Quartal 2026.
Um die für die Finanzmärkte relevante wirtschaftliche Grunddynamik besser beurteilen zu können, betrachten wir vorzugsweise jene Komponenten des BIP, welche die inländische Nachfrage des privaten Sektors widerspiegeln: die privaten Konsumausgaben (PCE), die Unternehmensinvestitionen sowie die Wohnungsbauinvestitionen. Wie Abbildung 1 ebenfalls zeigt, wuchs die Nachfrage der privaten Haushalte und Unternehmen in den USA mit einer annualisierten Rate von 3,3 Prozent – so kräftig wie seit mehr als drei Jahren (erstmals wieder seit dem ersten Quartal 2023).[vi] Die privaten Konsumausgaben (PCE) stiegen nach lediglich 0,5 Prozent im ersten Quartal auf annualisierte 3,2 Prozent. Haupttreiber war ein Plus von 6,8 Prozent bei langlebigen Konsumgütern wie Autos, Möbeln und Haushaltsgeräten.[vii] Auch die Unternehmen investierten weiterhin kräftig: Die Investitionsausgaben (Capex) legten annualisiert um weitere 8,4 Prozent zu, nachdem sie bereits im ersten Quartal um beachtliche 10,6 Prozent gestiegen waren.[viii]
Wenig überraschend entfiel ein großer Teil davon weiterhin auf Investitionen in Informationstechnik.[ix] Gerade deshalb legten auch die Importe deutlich zu.[x] Zwar wird ein erheblicher Teil der Technologieprodukte in den USA entwickelt, gefertigt werden sie jedoch überwiegend im Ausland.[xi] Genau daran zeigt sich jedoch, weshalb der scheinbar negative Beitrag der Importe zum BIP letztlich neutral ist: Dieselben Importe schlagen gleichzeitig positiv bei den Unternehmensinvestitionen und den privaten Konsumausgaben zu Buche.[xii]
Die Investitionen beschränkten sich jedoch keineswegs auf Server und Chips für den Ausbau der neuen Rechenzentren in den USA. Auch andere Investitionskategorien legten kräftig zu – und gehörten sogar zu den wachstumsstärksten Komponenten des BIP: Die Investitionen in Industrieausrüstungen stiegen annualisiert um 29,0 Prozent, jene in Transportausrüstungen um 29,2 Prozent, nachdem Letztere zuvor drei Quartale in Folge rückläufig gewesen waren.[xiii] Allerdings entwickeln sich diese Kategorien erfahrungsgemäß sehr ungleichmäßig. Daraus sollte kein langfristiger Trend abgeleitet werden. Dennoch widerlegt die kräftige und breit abgestützte Investitionstätigkeit der Unternehmen die weit verbreitete Auffassung, KI sei der einzige Treiber der Investitionsausgaben in den USA. Auch dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Behauptung, allein KI treibe die Märkte an, nicht zutrifft. Wie das US-Wirtschaftswachstum ruht auch der Bullenmarkt auf einer deutlich breiteren Basis, als viele Kommentatoren vermuten lassen.
Erwähnenswert ist außerdem, dass die Wohnungsbauinvestitionen in den USA annualisiert um 1,5 Prozent zunahmen – der erste Anstieg seit fünf Quartalen.[xiv] Diese vergleichsweise kleine BIP-Komponente gibt zwar selten den Ausschlag. Der beginnende Aufwärtstrend könnte jedoch darauf hindeuten, dass die hohen Preise für Bestandsimmobilien den Wohnungsbau allmählich wieder ankurbeln – und damit Kaufinteressenten neue Hoffnung geben. Auch die Befürchtung, hohe Kraftstoffpreise könnten die Verbraucherausgaben erheblich belasten, bestätigte sich nicht. Die Ausgaben für Kraftstoffe gingen im zweiten Quartal annualisiert um 5,0 Prozent zurück und schmälerten das BIP-Wachstum lediglich um 0,1 Prozentpunkte.[xv] Das zeigt, dass Verbraucher ihren Kraftstoffverbrauch reduzierten, während die Ausgaben in anderen Bereichen weiter zunahmen. Dabei handelt es sich keineswegs um einen einmaligen Ausreißer. Trotz der teils starken Schwankungen der Energiepreise gleichen sich deren Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung meist weitgehend aus. Seit der Jahrtausendwende gab es nur wenige Quartale, in denen der Beitrag des Kraftstoffverbrauchs zum BIP-Wachstum mehr als plus oder minus 0,2 Prozentpunkte betrug.[xvi] Damit ist dieser Faktor nur äußerst selten von größerer Bedeutung. Das erinnert daran, den Kraftstoffpreisen trotz der anhaltend intensiven Berichterstattung keine übermäßige Bedeutung beizumessen.
Stattdessen lohnt sich der Blick auf das große Ganze: Unsere Analysen zeigen, dass private Haushalte und Unternehmen in den Industrieländern insgesamt weiterhin solide aufgestellt sind. Das trägt zu einem breit abgestützten Gewinnwachstum der Unternehmen bei – sehr zur Freude der Aktienmärkte. Genau diese Entwicklung steht allerdings nur selten im Mittelpunkt der Schlagzeilen, die wir verfolgen. „Den meisten Menschen geht es ordentlich“ erzeugt zwar kaum Aufmerksamkeit. Gerade deshalb sollten Anleger die tatsächlich entscheidenden Fundamentalfaktoren der Wirtschaft nicht aus den Augen verlieren.
[i] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026. Reales US-Bruttoinlandsprodukt, erstes Quartal 2026 bis zweites Quartal 2026. Die annualisierte Wachstumsrate gibt an, wie hoch das Wachstum ausfiele, wenn sich die Quartalsrate vier Quartale lang unverändert fortsetzen würde.
[ii] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026. Aussage
basierend auf den Komponenten des realen US-BIP, 1. Quartal 2026 – 2. Quartal 2026.
[iii] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[iv] Quelle: ANP, Stand: 01.07.2026.
[v] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026. Beitrag der Importe zum realen BIP-Wachstum der USA, Q1 2026 – Q2 2026.
[vi] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[vii] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[viii] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[ix] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026. Aussage basierend auf den Komponenten des realen US-BIP, 1. Quartal 2026 – 2. Quartal 2026.
[x] „Do Imports Subtract From GDP?“ Scott Wolla, The FRED Blog, 13.9.2018.
[xi] „Designed in California but Made ... All Over the World,“ John West, News Decoder, 16.6.2025.
[xii] Siehe Fußnote x.
[xiii] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[xiv] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[xv] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026.
[xvi] Quelle: FactSet, Stand: 30.07.2026. ussage basierend auf dem Beitrag von Benzin und anderen Energiegütern zum realen BIP-Wachstum der USA, 1. Quartal 2000 – 2. Quartal 2026.
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