Individuelle Vermögensverwaltung / Wirtschaft
Update zum Welthandel mit Südostasien im Fokus
Weit weniger schmerzhaft als gedacht: Wie Südostasiens Handel die Belastung durch die US-Zölle abfedert.
Als im April 2025 am „Liberation Day“ die drastischen US-Zölle verkündet wurden, standen für uns drei Hauptszenarien im Raum: Szenario 1: Die Zölle könnten sich als illegal und nicht durchsetzbar erweisen. Szenario 2: Die Zölle könnten das Aushandeln von Deals ankurbeln. Szenario 3: Die Staaten reagieren mit koordinierten Vergeltungsmaßnahmen. Unserer Einschätzung nach hätte nur dieses dritte Szenario die Aktienmärkte spürbar belasten können. Kurz darauf zeichnete sich jedoch ein 4. Szenario ab: Der Handel außerhalb der USA expandierte als Reaktion auf den amerikanischen Protektionismus. China und Kanada haben zwar mit Gegenzöllen reagiert – und Gespräche über eine Lockerung der Zölle gegen China beherrschten auf dem Gipfeltreffen der vergangenen Woche erneut die Schlagzeilen – doch das Ausmaß dieser Maßnahmen bleibt begrenzt.[i] Inzwischen wird deutlich, dass die Szenarien 1, 2 und 4 dominieren und wirtschaftlich deutlich schwerer wiegen als das 3. Szenario. Anders als es die Nachrichten vielleicht vermuten lassen, steht der Welthandel weitaus besser da, als die Marktbeobachter im letzten Jahr befürchtet hatten – und unserer Einschätzung nach wird der Handel sogar noch freier.
Am beachtenswertesten ist in diesem Zusammenhang, dass die EU vergangenen Dienstag ein Freihandelsabkommen mit den Philippinen geschlossen hat.[ii] Dies ist für sich allein genommen zwar noch nichts Weltbewegendes, folgt aber auf vergleichbare Deals der EU mit Vietnam und Indonesien.[iii] Auch Gespräche mit Malaysia und Thailand scheinen kurz vor dem Abschluss zu stehen.[iv] All dies zusammengenommen spricht für Szenario 4. Der Warenhandel der EU mit Südostasien bewegt sich mit 276 Mrd. Euro im Jahr 2025 „auf einem Allzeithoch“. Dies entspricht einem Anstieg um 55 Prozent gegenüber 2016 und der Handel dürfte angesichts der aktuell in Verhandlung befindlichen Vereinbarungen, die nicht nur Waren, sondern auch Dienstleistungen und Investitionen umfassen, noch weiter zunehmen.[v] Anstatt Handelsbarrieren als Reaktion auf die US-Zölle aufzubauen, bemüht sich die EU also vielmehr um Abkommen mit zahlreichen Nationen außerhalb der USA. Dies gilt selbstverständlich nicht für alle Länder; so sind etwa weiterhin Gerüchte über „Anti-Dumping-Maßnahmen“ gegen China zu vernehmen.[vi] Allgemein scheint der Staatenbund aber auf einen freieren Handel zuzusteuern.
Und das bezieht sich nur auf die EU. Wie aus Darstellung 1 hervorgeht, hat der globale Handel außerhalb der USA – ausgehend vom Jahr 2024 als Basiswert vor dem „Liberation Day“ – um über 2,6 Bio. US-Dollar und damit deutlich stärker zugelegt als jener in den USA (473 Mrd. US-Dollar) und so das globale Gesamthandelsvolumen auf Rekordhochs getrieben.
Darstellung 1: Wachstum des Güterhandels ggü. Gesamtsumme 2024
Quelle: Macrobond, Stand: 30.09.2026 (besondere Anerkennung gebührt: Fisher Asset Management, LLC Research Specialist Daniel Slavin).
Auch der US-Güterhandel nimmt trotz der Zölle weiterhin zu, wenn auch langsamer. Dies spricht aus unserer Sicht für Szenario 2: Das Aushandeln von Deals seitens der USA. Vietnam ist Berichten zufolge „kurz davor“, eine Vereinbarung mit den USA zu unterzeichnen, da Präsident To Lam zugesagt hatte, mehr amerikanische Luftfahrzeuge, Transportinfrastruktur und Kernkraft zu kaufen.[vii] Damit sollen die Hemmnisse für US-Importe aus Vietnam verringert und für weitere Entlastung gesorgt werden. Dies könnte zumindest für einige Einfuhren aus Vietnam einen reziproken Zollsatz von 0 Prozent (anstelle von derzeit 20 Prozent) zur Folge haben.[viii]
Im Gegenzug würde Vietnam US-Exporten einen bevorzugten Marktzugang gewähren und „die Zölle auf beinahe alle Güter abschaffen“, einschließlich landwirtschaftlicher, industrieller und pharmazeutischer Erzeugnisse.[ix] Dies würde das Land auch für Investitionen aus den USA öffnen, insbesondere im Hinblick auf Energie (wie Flüssigerdgas) und Stromerzeugung.[x] Zwischenzeitlich haben sich die US-Importe aus Vietnam in den vergangenen beiden Jahren auch ohne Abkommen mehr als verdoppelt (siehe Darstellung 2).
Darstellung 2:
Quelle: FactSet, Stand: 30.09.2026. Hinweis: Die Daten sind nicht saisonbereinigt.
Zufälligerweise (oder auch nicht) haben die Exporte Chinas nach Vietnam Rekordhochs erreicht (Darstellung 3). Dies geht mit einem heiklen Thema einher: das sogenannte „Transshipping“, bei dem Güter, die aus einem anderen Land mit höheren Zollabgaben wie China stammen, reexportiert werden. Präsident Lam dementiert, dass chinesische Güter über Vietnam umgeladen werden.[xi] Die Ermittlung der Herkunft dieser Güter kann sich jedoch äußerst schwierig gestalten, ganz zu schweigen von der Umsetzung entsprechender Herkunftsregelungen. Obschon sich die USA und Vietnam darauf geeinigt haben, „der Umgehung von Zöllen einen Riegel vorzuschieben und im Hinblick auf Exportkontrollen und Investitionssicherheit zusammenzuarbeiten“, bleibt also abzuwarten, wie – oder ob überhaupt – eine solche Vereinbarung dies sicherstellen könnte.[xii] Für uns kommt hier Szenario 1 zum Tragen: In der Praxis scheinen Umgehungsstrategien für Handelsbarrieren äußerst beliebt zu sein, was wohl damit zusammenhängt, dass es extrem schwierig ist, pauschale Zölle durchzusetzen.
Darstellung 3: Chinas Exporte nach Vietnam und Mexiko ziehen deutlich an
Quelle: FactSet, Stand: 30.09.2026. Hinweis: Die Daten sind nicht saisonbereinigt
Wie die Darstellungen 2 und 3 zeigen, ist Vietnam aber nicht das einzige Land, das mittlerweile mehr in die USA exportiert: Die Ausfuhren Mexikos in die USA sind – neben historisch hohen Exporten Chinas nach Mexiko – ebenfalls deutlich gestiegen. Und nicht nur das: Aus Darstellung 4 geht hervor, dass auch die Importe Mexikos aus Vietnam (und Asien im Allgemeinen) zunehmen. Da rund 80 Prozent der US-Importe aus Mexiko (nach unter 50 Prozent im Jahr 2024) im Rahmen des USMCA, dem Nachfolgeabkommen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zwischen den USA, Mexiko und Kanada, zollbefreit sind, scheinen nun mehr globale Güter abgabenfrei in die USA zu gelangen – und das trotz strengerer Herkunftsregelungen.[xiii] Anscheinend werden in Mexiko vorgenommene Montagearbeiten von offizieller Seite einfach abgenommen. Dies alles geschieht trotz der zahlreichen Schlagzeilen über geopolitische Spannungen, die den Welthandel angeblich ins Stocken bringen.
Darstellung 4: Mexikos Importe aus Asien ziehen rasant an
Quelle: FactSet, Stand: 30.09.2026. Hinweis: Die Daten sind nicht saisonbereinigt
Unseres Erachtens verdeutlichen die jüngsten handelsbezogenen Meldungen aus Südostasien und Mexiko, dass sich die Zollszenarien, die sich Anfang 2025 abzeichneten, positiv auf die globalen Aktienmärkte auswirken. Zölle sind aus unserer Sicht grundsätzlich negativ für die Wirtschaft, doch es bestehen zahlreiche Möglichkeiten, wie sich die Weltwirtschaft daran anpassen und darauf reagieren kann – wie sie es in dem Zeitraum seit April 2025 eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.
[i] „China, US Agree to Tariff Cuts on $60 Billion of Goods Including Agriculture, Household Items“, Liz Lee, Reuters, 28.09.2026. Abgerufen über MSN.
[ii] „European Union Strikes a New Free-Trade Deal With the Philippines“, Sam McNeil, Irish Independent, 23.09.2026.
[iii] „EU Finally Clinching Trade Deals With Southeast Asian States“, David Hutt, Deutsche Welle, 24.09.2026.
[iv] Ebd.
[v] „EU Trade Relations with Association of South East Asian Nations (ASEAN)“, Redaktion, Europäische Kommission, 22.05.2026.
[vi] „Commission Imposes Anti-Dumping Duties on Passenger-Car and Light-Lorry Tyres from China“, Redaktion, Europäische Kommission, 09.07.2026. „Dumping“ bezeichnet die Praxis, subventionierte Güter im Ausland zu künstlich niedrigen Preisen zu verkaufen, um inländische Wettbewerber, die nicht von derartigen Vorteilen profitieren, zu unterbieten.
[vii] „Vietnam Leader Says US Trade Deal Close, Denies Re-Routing China Goods“, Francesca Stevens, Nguyen Dieu Tu Uyen, Nguyen Xuan Quynh und Haslinda Amin, Bloomberg, 22.09.2026. Abgerufen über Yahoo!
[viii] Ebd.
[ix] „Fact Sheet: The United States and Viet Nam Reach a Framework for an Agreement on Reciprocal, Fair, and Balanced Trade“, Redaktion, Office of the United States Trade Representative, Oktober 2025.
[x] Ebd.
[xii] Siehe Fußnote vii.
[xii] Ebd.
[xiii] „USMCA Has Strengthened Economic Integration in North America“, Brendan Kelly, Jesus Cañas und Luis Bernardo Torres Ruiz, Brookings, 04.03.2026. „How USMCA Compliance Cushioned the 2025 Tariff Shock“, Enrique Martínez García und Ron Mau, Federal Reserve Bank of Dallas, 04.08.2026.
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