Individuelle Vermögensverwaltung / Marktanalysen
Warum El Niño keinen Grund für Portfolioumschichtungen darstellt
Das Wetter ist kein Markttreiber.
Inmitten der vielen angeblichen Risiken, die wir in der Finanzberichterstattung in diesem Jahr gesehen haben, soll sich ein neuer Sturm zusammenbrauen: das Wetter. Einige Experten, denen wir folgen, meinen, dass extremes Wetter – von Europas schwerer Hitzewelle bis zu einem möglichen sogenannten Super-El Niño (ein Klimaphänomen im pazifischen Ozean, das das Wetter weltweit beeinflussen kann) – die Weltwirtschaft und die Märkte dämpfen könnte, da es zu einem Ungleichgewicht des Wachstums und zu einer Inflation (allgemein steigende Preise in der gesamten Wirtschaft) kommen kann. Während wir die möglichen Störungen nicht abtun, glauben wir nicht, dass Investoren davon profitieren, den breiteren makroökonomischen Auswirkungen von extremem Wetter zu viel Beachtung zu schenken – sie erscheinen uns wie eine falsche Furcht.
Während Europa im Juni unter der Hitze litt, postulierten viele Experten in der Finanzberichterstattung, denen wir folgen, dass weitere Herausforderungen bevorstehen. Laut der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde der USA hat sich Mitte Juni ein El Niño-Wettermuster gebildet und hat eine Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent, sich bis zum Jahresende zu einem sehr starken (oder „Super-“) El Niño zu entwickeln.[i] Die Auswirkungen dieses Wettermusters variieren je nach geografischer Lage. In den USA schlägt sich der El Niño meist als typischerweise nassere, wärmere Winter für die Westküste des Landes nieder und eine weniger gravierende atlantische Hurrikansaison.[ii] Anderswo kann El Niño ab September extreme Hitze in den Tropen und Subtropen verursachen – was das Dürre-Risiko in Australien, Südostasien, Südafrika und Mittelamerika erhöhen könnte.[iii]
Es ist keine Überraschung, dass die Aussicht auf El Niño eine Vielzahl negativer wirtschaftlicher Ausblicke in den von uns analysierten Finanzpublikationen ausgelöst hat, von denen viele eine akademische Analyse aus dem Jahr 2023 zitieren, die besagt, dass vergangene Super-El Niño-Ereignisse (jeweils für die Zeiträume 1982 bis 1983 und 1997 bis 1998) Billionen von US-Dollar an globalem Einkommen ausgelöscht haben.[iv] Andere Marktbeobachter behaupten, dass extreme Wetterbedingungen die Landwirtschaft erheblich beeinträchtigen könnten (z.B. könnte die Zuckerproduktion in Indien und Thailand sowie die Weizenproduktion in Australien dezimiert werden).[v] Das könnte angeblich zu deutlich höheren globalen Lebensmittelpreisen führen und die globale Inflation erneut anheizen.
Abgesehen von möglichen Fehleinschätzungen denken wir nicht, dass ausgewählte Kategorien die Preise in der gesamten Wirtschaft nach oben treiben können, da wahre Inflation ein geldpolitisches Phänomen ist, bei dem ein übermäßiges Wachstum der Geldmenge den Unternehmen Preissetzungsmacht verleiht – extreme Wetterereignisse sind nicht automatisch ein bearishes Zeichen. Hier lohnt es sich, sich die Situation anderer Naturkatastrophen der jüngeren Geschichte anzuschauen. Die Eurozone erlitt von 2020 bis 2024 einen durchschnittlichen Verlust von 45 Mrd. Euro jährlich aufgrund von Wetter- und klimabedingten Ereignissen, aber diese führten nicht zu wirtschaftlichen Abschwüngen.[vi] Laut unserer Recherche waren umfangreichere Dellen in der Konjunktur (z.B. Deutschlands flache Rezession) in den Jahren 2021 und 2022 auf einen Energieengpass (hauptsächlich aufgrund des Russland-Ukraine-Kriegs) und schwache Außennachfrage zurückzuführen, nicht auf das Wetter.[vii] In den USA verursachte der Hurrikan Katrina im Jahr 2005 Schäden von über 160 Mrd. US-Dollar (140 Mrd. Euro) und umgerechnet in den heutigen US-Dollar-Kurs 270 Mrd. US-Dollar (oder 236 Mrd. Euro) – der teuerste Hurrikan in der Geschichte der USA, ganz zu schweigen von der Tragödie verlorener Leben und irreparabler Veränderungen.[viii] Im Vergleich zur US-Wirtschaft betrugen die Kosten von Katrina jedoch etwa 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP, ein von der Regierung produziertes Maß für die Wirtschaftsleistung) und führten nicht zu einem anhaltenden Abschwung der insgesamten Wirtschaftsleistung.[ix]
Das Gleiche gilt für vergangene Super-El Niños. Betrachten wir zunächst einmal die Auswirkungen auf die USA, die wir hier als Beispiel für Wetter-, Wirtschafts- und Marktdaten anführen. Die Rezession (ein langanhaltender wirtschaftlicher Rückgang) Anfang der 1980er-Jahre in den USA endete, bevor der El Niño der Jahre 1982 bis 1983 seinen Höhepunkt erreichte.[x] Damals straffte die US-Notenbank die Geldpolitik – was dazu führte, dass die Geldmenge Ende 1981 stark gebremst wurde und sich zusammenzog als Reaktion auf die hohe Inflation Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre.[xi] Apropos Inflation: der US-Verbraucherpreisindex (VPI, ein staatliches Maß für die Preise von Waren und Dienstleistungen in der gesamten Wirtschaft) hatte sich seit seinem Höchststand von 14,6 Prozent im April 1980 gegenüber dem Vorjahr verlangsamt und während dieses Super-El Niños verringerte sich das Preiswachstum deutlich, von 8,3 Prozent im Januar 1982 auf 3,8 Prozent im Dezember 1983.[xii] Was die Märkte betrifft, befanden sich die US-Aktien von November 1980 bis August 1982 in einem Bärenmarkt (langanhaltender, fundamental getriebener breiter Rückgang des Aktienmarktes von 20 Prozent oder mehr), der endete bevor es zum Höhepunkt des El Niño kam.[xiii] Was den Super-El Niño von 1997 bis 1998 betrifft, befanden sich die USA in einer jahrzehntelangen Expansion, die stabile Inflation und den zweitlängsten Bullenmarkt (eine lange Periode allgemein steigender Aktienkurse) in der modernen Geschichte aufwies – das sieht unserer Meinung nach nicht nach Anzeichen für einen Bärenmarkt aus.[xiv]
Das bedeutet nicht, dass El Niño bisher nirgendwo zu wirtschaftlichen Schäden geführt hat. Der El Niño von 1982 bis 1983 führte zu starken Regenfällen, Dürre und Erdrutschen in Peru, was die Fischerei, die Landwirtschaft und die Erdölproduktion beeinträchtigte und zu einem Rückgang des BIP um 11 Prozent beitrug.[xv] Allerdings hatte Peru auch mit einer Kreditklemme im privaten Sektor, Schwierigkeiten beim Zugang zu Fremdkapital und den Guerillaangriffen der extremistischen Organisation Sendero Luminoso zu kämpfen – El Niño verschärfte die Probleme des Landes, war jedoch nicht die Ursache.[xvi]
Natürlich blenden wir das menschliche Leid und die Kosten aufgrund der Störungen durch starkes Wetter nicht aus. Zum Beispiel kann El Niño die Wahrscheinlichkeit von Dürre oder Überschwemmungen erhöhen – ein sensibles Thema für den Agrarriesen Brasilien, der in den letzten Jahren mit Wasserknappheit zu kämpfen hatte.[xvii] Jüngste Hitzewellen haben eingehende Diskussionen über kaum oder gar nicht vorhandene Klimaanlagen sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Europa angestoßen (vielleicht werden diese neuesten Hitzewellen Reformen und einen Investitionsboom im Bereich Klimaanlagen anstoßen).
Aus humanitärer Sicht fühlen wir mit allen Betroffenen mit – von den Landwirten, die mit Ernteunsicherheiten konfrontiert sind, bis zu den älteren Menschen, die der unangenehmen und gefährlichen Hitze entkommen wollen. Aber aus einer Investitionsperspektive liegt unser Fokus auf der wahrscheinlichen Auswirkung des Wetters auf die Nachfrage an den Aktienmärkten und die Unternehmensgewinne in absehbarer Zukunft. Zum einen machen die am stärksten betroffenen Branchen (z. B.: Landwirtschaft) nur einen kleinen Teil der meisten großen Volkswirtschaften aus, weswegen es unwahrscheinlich ist, dass sie das breitere globale Wachstum zum Erliegen bringen.[xviii] Basierend auf unseren Analysen der finanziellen Berichterstattung ist El Niño zum anderen auch keineswegs ein unbekanntes Phänomen, das aus dem Nichts erscheint. Viele Regierungen haben begonnen, ihre Katastrophenpläne im Vorhinein auszubauen, um Störungen der Lebensmittelversorgung zu mindern. Die Landwirte haben ihre üblichen Aussaatzeiten angepasst, um einer potenziellen Dürre zuvorzukommen – wie ein indonesischer Reisbauer es ausdrückte: „In der Landwirtschaft geht es darum, sich anzupassen und Lösungen zu finden – hoffentlich funktioniert es.“[xix]
El Niño erhöht die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten extremer Wetterereignisse – löst sie aber nicht garantiert aus. Zum Beispiel führte El Niño 1983 und 1998 zu höheren Niederschlägen als im Durchschnitt in Nordkalifornien, aber im Jahr 1992 führte er wiederum zu einem relativ trockenen Jahr.[xx] Die Tatsache, dass viele Anleger einen negativen Ausgang bereits erwarten und einkalkulieren, deutet darauf hin, dass die Skepsis auf dem Markt sich bis heute hält.
[i] Quelle: Climate Prediction Center, Stand 11.06.2026.
[ii] „In Years After El Niño, Global Economy Loses Trillions“, Morgan Kelly, Dartmouth, 18.05.2023.
[iii] „Potentially Historic El Niño to Come, Analysis Shows Humanitarian Toll“, Gemeinsames Forschungszentrum, Europäische Kommission, 15.06.2026.
[iv] „El Niño Roars to Life. 5 Reasons Why It’s a Big Deal“, Dinah Voyles Pulver, USA Today, 25.06.2026. Abgerufen über AOL.com.
[v] „Super El Niño Poses Critical Threat to 500 Million of the World’s Farmers, Researchers Warn“, Nick Ferris, The Independent, 21.06.2026.
[vi] „Economic Losses From Weather- and Climate-Related Extremes in Europe“, Redaktion, Europäische Umweltagentur, 13.10.2025.
[vii] „Gross Domestic Product: Detailed Economic Performance Results for the 2nd Quarter of 2025“, Destatis, 22.08.2025.
[viii] Quelle: George W. Bush Präsidentialbibliothek, Stand 29.06.2026.
[ix] Quelle: Bureau of Economic Analysis, Stand: 29.06.2026. Aussage basierend auf dem inflationsbereinigtem US-BIP, jährlich, 2005.
[x] Quelle: National Bureau of Economic Research, Stand: 30.06.2026.
[xi] Quelle: Center for Financial Stability, Stand 30.06.2026, und „Recession of 1981-82“, Tim Sablik, Federal Reserve History, 22.11.2013.
[xii] Quelle: FactSet, Stand: 30.06.2026.
[xiii] Quelle: FactSet, Stand: 10.02.2026. Aussage basierend auf den Renditen des S&P 500 Kursindex, November 1980 bis August 1982. Angegeben in US-Dollar. Wechselkursschwankungen zwischen dem Euro/US-Dollar und Lokalwährungen (einschließlich historischer Währungsveränderungen) können zu höheren oder niedrigeren Anlagerenditen führen.
[xiv] Quelle: National Bureau of Economic Research und FactSet, Stand: 02.07.2026.
[xv] „Peru: Country Economic Memorandum”, Weltbank, 12.12.1985.
[xvi] Ebd.
[xvii] „Why Brazil Faces a Water Crisis“, Beatrice Christofaro, Deutsche Welle, 16.04.2025.
[xviii] Quelle: Weltbank, Stand: 02.07.2026. Aussage basierend auf dem Anteil der Landwirtschaft am jährlichen BIP 2024 für die USA, das Vereinigte Königreich, Deutschland, China und Brasilien.
[xix] „Indonesia Races to Plant Rice Early Against Risk of El Niño“, Yuddy Cahya Budiman und Willy Kurniawan, Reuters, 09.06.2026. Abgerufen über MSN.
[xx] „El Niño Is Here and Could Become Very Strong This Winter. What That Means for NorCal“, Heather Waldman, KCRA, 11.06.2026.
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