Individuelle Vermögensverwaltung / Wirtschaft
Die widerstandsfähige BIP-Entwicklung der Eurozone im ersten Quartal
Die Eurozone kommt nur langsam voran.
Es liegt uns fern, geldpolitischen Entscheidungsträgern pauschal zuzustimmen, doch die Einschätzung der EZB-Präsidentin Christine Lagarde zur Abschwächung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Eurozone im ersten Quartal und zum Inflationsanstieg im April erscheint treffend: „Es ist ein geringeres Wachstum, zugegeben … aber wir befinden uns weder in einer Stagnation noch gar in einer Rezession“, sagte sie gegenüber Reportern. „Man kann sich Szenarien vorstellen, in denen wir uns in diese Richtungen bewegen. Aber das ist derzeit nicht das, was wir beobachten.“[i] Was die Befürchtungen einer Stagflation betrifft – ein Begriff für eine Phase hoher Inflation, hoher Arbeitslosigkeit und geringem oder ausbleibendem Wirtschaftswachstums – zieht es Lagarde vor, diese „beiseitezuschieben“: „Wir verwenden den Begriff ‚Stagflation‘, diesen schlagwortartigen Ausdruck, nicht für unsere aktuelle Lage, da wir ihn klar mit den 1970er-Jahren verbinden“, sagte sie.[ii]
Diese differenzierte Interpretation der Daten steht jedoch aus unserer Sicht im Widerspruch zur vorherrschenden Stimmung in der von uns analysierten Finanzberichterstattung. Daraus schließen wir, dass Aktien der Eurozone weiterhin eine beachtliche „Mauer der Angst“ überwinden müssen.
Wir würden uns nicht zu sehr an den konkreten Zahlen des Berichts zum Bruttoinlandsprodukt festhalten. Für Aktien sind sie rückwärtsgewandt und damit alte Nachrichten, da Märkte unserer Analyse zufolge die kommenden drei bis 30 Monate gewichten. Dennoch lassen sich einige interessante Details erkennen. Das BIP der Eurozone verlangsamte sich von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal im zweiten Quartal 2025 auf 0,1 Prozent, was von mehreren von uns betrachteten Medien als Stillstand oder Stagnation beschrieben wurde.[iii] Doch Wachstum bleibt Wachstum – bei aller begrifflichen Spitzfindigkeit – und wir halten das aggregierte BIP der Eurozone nicht für die aussagekräftigste Kennzahl. Es bündelt die Wachstumsraten aller Mitgliedstaaten, die wir für aufschlussreicher halten. Viele Beobachter konzentrieren sich dabei auf Frankreichs Rückgang von 0,2 Prozent im vierten Quartal auf eine leichte Schrumpfung, die auf null gerundet wird.[iv] Anderswo stellt sich das Bild aus unserer Sicht günstiger dar. In Italien verlangsamte sich das Wachstum von 0,3 Prozent auf 0,2 Prozent, während Spanien von 0,8 Prozent auf 0,6 Prozent zurückging.[v] Beides entspricht längerfristigen Trends, was aus unserer Sicht gegen die These spricht, die gesamte Region habe sich plötzlich abgeschwächt, als die Energiepreise im März anzogen.[vi]
Auch die Ergebnisse Deutschlands widersprechen nach unserer Einschätzung der gängigen Erzählung. Dort beschleunigte sich das BIP-Wachstum von 0,2 Prozent im vierten Quartal 2025 auf 0,3 Prozent.[vii] Der vorläufige Bericht enthält keine detaillierte Aufschlüsselung, doch das Statistische Bundesamt verweist auf steigende Konsumausgaben der privaten Haushalte und wachsende Exporte. Ersteres mag im Widerspruch zum starken Rückgang der Einzelhandelsumsätze im März stehen, doch das Minus von 2,0 Prozent gegenüber dem Vormonat war ungewöhnlich ausgeprägt, und die Daten können revidiert werden. Wir plädieren daher für eine abwartende Haltung.[viii] Zudem schwanken die deutschen Einzelhandelsumsätze typischerweise von Monat zu Monat, und ein schwaches Ergebnis begründet noch keinen Trend.[ix] Hinzu kommt, dass die Einkaufsmanagerindizes von S&P Global für März und April (vorläufig) weiterhin Wachstum im Industrie- und Dienstleistungssektor in Deutschland signalisierten.[x] Für uns unterstreicht dies, wie wichtig es ist, das Gesamtbild zu betrachten – ebenso wie wir BIP-Berichte der Eurozone als Aufforderung sehen, die gesamte Landkarte in den Blick zu nehmen.
Für Anleger ist dies zugleich ein Hinweis, nach vorn zu schauen. Trotz zahlreicher Warnungen, dass höhere Energiepreise einige Volkswirtschaften der Eurozone in eine Rezession treiben könnten, gehen wir davon aus, dass die Aktienmärkte diese Risiken bereits verarbeitet haben, bevor sie sich in den Daten niederschlugen.[xi] Als die globalen Märkte nach Beginn des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus ins Wanken gerieten, wurden auch Aktien der Eurozone deutlich belastet.[xii] Zwar nicht so stark wie die am stärksten exponierten Länder (vor allem kleinere Schwellenländer in Asien), doch sie verloren mehr als der MSCI World Index und rutschten offiziell in eine Korrektur (ein Rückgang von -10,1 Prozent vom 25. Februar bis zum bisherigen Tief am 20. März).[xiii] Bis Mitte April lagen die Kurse wieder knapp unter ihren vorherigen Höchstständen. Seither gaben sie etwas nach, beendeten den April jedoch lediglich 2,9 Prozent unter dem Vorkriegsniveau – kein drastischer Rückgang.[xiv] Gleichzeitig liegen die Gaspreise in der Eurozone weiterhin deutlich unter den Frühjahrs-Höchstständen und weit unter den Krisenniveaus von 2022.[xv] Ein Blick auf die Börsengeschichte zeigt, dass Erholungen selten geradlinig verlaufen; für uns deutet dies darauf hin, dass die Märkte die Anpassungsfähigkeit der Region schrittweise einpreisen.
Während viele Schlagzeilen eine schwache, stagnierende Eurozone zeichnen, sehen wir in der BIP-Zahl vor allem eine Aggregation, die sowohl Schwächen als auch Stärken verdeckt. Das ist nichts Neues, sondern ein seit Jahren bestehendes Muster, das den Märkten unserer Ansicht nach gut vertraut ist.[svi] Unsere Analysen zeigen, dass vor allem Überraschungen die Märkte bewegen. In den aktuellen Daten erkennen wir jedoch weder eine Überraschung noch einen plötzlichen Wendepunkt. Vielmehr spiegeln sie aus unserer Sicht den Status quo wider – einen Status quo, vor dessen Hintergrund die Aktien der Eurozone im vergangenen Jahr starke Renditen erzielten.[xvii] Gibt man den Märkten Zeit, die aktuellen Schlagzeilen zu verarbeiten, dürften sich die Trends des Vorjahres bald wieder durchsetzen. Die „Mauer der Angst“ erscheint uns in Europa weiterhin höher als in den USA, mit mehr Bausteinen aus unbegründeten Ängsten. Aus unserer Sicht benötigen Aktien keine perfekte Wirtschaft, sondern lediglich eine Realität, die sich etwas besser entwickelt, als allgemein erwartet.
[i] „Eurozone Economy Slows in First Quarter as Energy Shock Bites“, Ed Frankl, The Wall Street Journal, 30.4.2026. Abgerufen über MSN.com. Zudem ist zu beachten, dass das Bruttoinlandsprodukt ein staatlich erstelltes Maß für die Wirtschaftsleistung ist.
[ii] Ebenda.
[iii] Quelle: FactSet, Stand 30.4.2026.
[iv] Ebenda.
[v] Ebenda.
[vi] Ebenda. Aussage basierend auf den vierteljährlichen BIP-Wachstumsraten der Mitgliedstaaten der Eurozone seit 2023 sowie den niederländischen TTF-Erdgaspreisen, 27.2.2026 – 30.4.2026.
[vii] Ebenda.
[viii] Quelle: Destatis, Stand 30.4.2026.
[ix] Ebenda.
[x] Quelle: S&P Global, Stand 30.4.2026. Einkaufsmanagerindizes sind Unternehmensumfragen, die den Anteil der Unternehmen messen, die eine höhere Aktivität melden.
[xi] Quelle: FactSet, Stand 30.4.2026. Aussage basierend auf den Renditen des MSCI EMU Index in GBP inklusive Nettodividenden. Eine Rezession ist ein breit angelegter und in der Regel anhaltender Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität über mehrere Monate.
[xii] Ebenda.
[xiii] Quelle: FactSet, Stand 1.5.2026. Renditen des MSCI World und MSCI EMU Index in EUR inklusive Nettodividenden, 25.2.2026 – 20.3.2026. Eine Börsenkorrektur ist ein scharfer, kurzfristiger, stimmungsgetriebener Rückgang von -10 Prozent bis -20 Prozent.
[xiv] « Quelle: FactSet, Stand 1.5.2026. Rendite des MSCI EMU Index in EUR inklusive Nettodividenden, 25.2.2026 – 30.4.2026.
[xv] Ebenda. Aussage basierend auf den niederländischen TTF-Erdgaspreisen, 1.1.2022 – 30.4.2026.
[xvi] Ebenda. Aussage basierend auf den BIP-Wachstumsraten der Eurozone und ihrer Mitgliedstaaten seit 2023.
[xvii] Ebenda. Aussage basierend auf den Renditen des MSCI EMU Index in EUR inklusive Nettodividenden, 31.12.2024 – 31.12.2025.
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