Individuelle Vermögensverwaltung / Marktanalysen

Westliche Öl- und Gasproduzenten erhöhen Fördermengen

Ein Blick auf die Produktion in Amerika.

Nachdem neuerliche Kampfhandlungen im Nahen Osten die Ölpreise letzten Monat erneut nach oben katapultiert hatten (gefolgt von einer erneuten Abkühlung), wiederholten Marktbeobachter ihre Warnungen vor Energieengpässen wegen mutmaßlicher Risiken für Lieferungen über das Rote Meer und die Straße von Hormus.[i] Unseren Analysen zufolge sind Preise allerdings Signale und bei erhöhten Preisniveaus kommt es in der Regel zu entsprechenden Reaktionen. Aktuell mehren sich Berichte darüber, dass Produzenten außerhalb des Nahen Ostens – insbesondere in Amerika – ihre Fördermengen erhöhen und den Ausbau der Infrastruktur vorantreiben. Bis sich all das vollständig auf die Märkte niederschlägt, wird voraussichtlich einige Zeit vergehen. Dennoch ist es für uns ein weiterer Beleg dafür, dass Negativspekulationen über das Angebot unrealistisch und für die Märkte positiv sind.

Vor allem die Ölförderung in Amerika bewegt sich derzeit auf Rekordniveau (Tendenz weiter steigend) und wird sich auf absehbare Zeit kaum abschwächen.[ii] Aber nicht nur in den USA wird mehr Öl gefördert. Einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge wird das Produktionsvolumen des „amerikanischen Quintetts“ (USA, Kanada, Brasilien, Argentinien und Guyana) mehr als ausreichend sein, um die wachsende weltweite Nachfrage mindestens bis 2030 abzudecken.[iii] Wenngleich es sich hierbei nur um eine Prognose handelt, scheinen die Daten diese Einschätzung zu untermauern. Betrachten wir einmal Brasilien. Dort ist die Ölproduktion im Juni gegenüber dem Vorjahr um rund 19 Prozent (ggü. dem Vormonat um 4 Prozent) auf die Rekordmenge von 4,5 Millionen Barrel pro Tag geklettert.[iv] Verglichen mit Brasiliens durchschnittlicher Fördermenge von rund 3,8 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2025 ist dies ein markanter Anstieg.[v] Ein großer Teil davon entfällt auf die Offshore-Produktion in unkonventionellen Tiefsee-Lagerstätten („Pré-sal“) vor der Küste Brasiliens.

Unterstützt wird das zukünftige Angebot auch durch die Produzenten in Nordamerika, die in diesem Jahr 65 neue Bohranlagen errichtet haben, 39 davon in den USA und 26 in Kanada.[vi] Unsere Analysen deuten zwar darauf hin, dass die Zahl der Bohranlagen kein absolut zuverlässiger Indikator für das künftige Angebot sind, aber die Produzenten dürften durch den Ausbau der Infrastruktur dennoch besser in der Lage sein, ihre Fördermenge auszuweiten, sollten die Preise hoch bleiben. In Kanada kann die neu fertiggestellte Pipeline, die Alberta mit den Energieabsatzmärkten im Pazifikraum verbindet, dazu beitragen, auch die Nachfrage aus Asien zu bedienen.[vii] Diese Lieferströme bleiben von den kriegsbedingten Störungen der Lieferketten im Nahen Osten durch das iranische Militär oder die Huthi-Rebellen unberührt. Übergeordnet heißt das: Diese zusätzlichen Fördermengen können letztendlich Exporte ankurbeln, die unabhängig von der Straße von Hormus, dem weitreichenderen Nahostkonflikt oder auch Russland sind.

Langfristig betrachtet gibt es noch weitere unterschätzte Projekte, die in der Berichterstattung kaum beachtet werden. An erster Stelle sei Kanada mit zwei Initiativen genannt: Zum einen wurden die Bohrungen in der lange vernachlässigten Belly-River-Formation in der Region Willesden Green unweit der Rocky Mountains wieder aufgenommen.[viii] Statt auf Gasvorkommen setzen die Produzenten hier wieder verstärkt auf Ölbohrungen. Diese verzeichneten das aktivste erste Halbjahr seit 14 Jahren, wobei bereits 15 Bohrlizenzen seit Jahresanfang erteilt wurden. Das Schiefergas wird hier im Fracking-Verfahren gewonnen. Als Öl- oder Gasquelle hat das Projekt zwar keinen extrem großen Einfluss, aber dennoch trägt es anschaulich zu dem Gesamtbild bei, dass die Produzenten ihre Projekte vorantreiben, um die Produktion anzukurbeln.

Kanada plant zudem den Ausbau seiner Pipelines. Unter anderem sollen die Kapazitäten der Pipeline zur Küste der Provinz British Columbia um eine Million Barrel pro Tag erhöht werden, um kanadisches Öl leichter und rentabler von den Ölsandvorkommen in der Provinz Alberta zu den Abnehmern, allen voran in Asien, transportieren zu können.[ix] Da das dort geförderte dicke, zähflüssige Schweröl mit ultraleichtem Rohöl oder Kondensat vermischt werden muss, um durch eine Pipeline fließen zu können, wird das Projekt möglicherweise zudem weitere Leichtöl-Bohraktivitäten in den USA oder Kanada fördern. Aktuellen Prognosen zufolge wird die Schweröl-Produktion in Westkanada in den nächsten zehn Jahren um bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag steigen.[x] Dieses längerfristige Projekt wird sich in den kommenden 12 bis 18 Monaten voraussichtlich nicht auf das Angebot auswirken. Dennoch ist es eine bemerkenswerte Entwicklung im Rahmen der langfristigen Bemühungen Kanadas, sich als verlässlicher Lieferant zu positionieren, der von den komplexen geopolitischen Konflikten im Nahen Osten weitgehend unberührt bleibt.[xi]

Auch bei Kanadas südlichem Nachbarn, den USA, liegt die Erdgasproduktion auf Rekordniveau und steigt unaufhaltsam.[xii] Für die Abnehmer in Europa bedeutet dies, dass es auch abseits der Straße von Hormus reichlich Quellen gibt, um die eigenen Flüssiggas-Vorräte aufzufüllen. Das sollte man sich vor Augen halten, falls in den Schlagzeilen über Erdgasengpässe im kommenden Winter in der Eurozone spekuliert werden sollte.

Obwohl die Ölpreise inzwischen unter der Marke von 100 US-Dollar pro Barrel liegen, schätzen viele die Aussichten für die Wirtschaft pessimistisch ein. Wir sind allerdings überzeugt, dass Ölpreise zwischen 70 und 90 US-Dollar ausreichen sollten, um dieses anhaltende Wachstum zu stützen. Sollten die Preise weiter fallen, könnten sich Produktionswachstum und Investitionen abschwächen. Vorerst scheinen uns die Preise jedoch hoch genug zu sein, um den Ausbau der Förderung weiter voranzutreiben – insbesondere angesichts der derzeitigen Unsicherheit in der Golfregion. Abgesehen von der reinen Preisentwicklung halten viele Länder in Asien und Europa aufgrund der Unsicherheit im Zusammenhang mit den Kriegen in Russland und im Nahen Osten Ausschau nach einer stabilen Versorgung. Daher dürfte die Nachfrage nach Lieferungen aus Amerika weiter zunehmen.

Erfahrungsgemäß gehen Anleger allerdings häufig davon aus, dass eine steigende Produktion automatisch positiv für Energieaktien ist. Während des US-Schieferölbooms zu Anfang der 2010er-Jahre war das häufig der Fall. Unsere Analysen zeigen allerdings, dass die Preise weitaus wichtiger sind als die Fördermengen. Aktuell erwarten wir volatile Energiepreise. Da die Produktion außerhalb der von Kriegen betroffenen Regionen jedoch weiter steigt – und die Lieferengpässe dort auch weniger gravierend zu sein scheinen als prognostiziert – halten wir es für unwahrscheinlich, dass die Ölpreise vom aktuellen Niveau aus noch deutlich weiter steigen werden. Das wiederum deutet für uns darauf hin, dass die derzeit steigende Produktion in Nordamerika zu einem gewissen Gegenwind für Energieaktien beiträgt.


[i] Quelle: FactSet, Stand: 05.08.2026. Spotpreis für Rohöl der Sorte Brent in USD, 30.06.2026 – 31.07.2026.
[ii] Quelle: US Energy Information Administration, Stand: 05.08.2026.
[iii] Quelle: Internationale Energieagentur, Stand: 05.08.2026.
[iv] „Brazil’s Oil Output Hits Record as War Drives Up Non-OPEC Supply“, Charles Gorrivan, Bloomberg, 03.08.2026. Abgerufen über Shipping Herald.
[v] Quelle: US Energy Information Administration, Stand: 05.08.2026.
[vi] Quelle: Baker Hughes, Stand: 05.08.2026.
[vii] „Trans Mountain Announces Milestones of Commercial Service for Expanded System“, Staff, Trans Mountain Corporation, 01.05.2024.
[viii] „Canada’s Forgotten Shale Gas Play Reemerges as Oil Hot Spot“, Robert Tuttle, Bloomberg, 16.07.2026. Abgerufen über Energy Connects.
[ix] „Alberta Pitches Southern Route for West Coast Pipeline, With a Price Tag of $35B or More“, Rukhsar Ali, CBC, 02.07.2026.
[x] Ebd.
[xi] „Oil Majors Eye Resurgent Canadian Energy in Wake of Middle East Upheaval“, Shariq Khan, David French and Amanda Stephenson, Reuters, 29.04.2026. Abgerufen über Yahoo! Finance.
[xii] „Short-Term Energy Outlook“, US Energy Information Administration, 07.07.2026.


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